Kurzinformation

Der neue Technical Report ISO/TR 13849-3:2026

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Mehr Flexibilität bei der PFH-Berechnung für sicherheitsbezogene Steuerungen


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Mit der Veröffentlichung des Technical Reports ISO/TR 13849-3:2026 steht Maschinenherstellern erstmals ein normnahes Verfahren zur Verfügung, um die Ausfallwahrscheinlichkeit gefährlicher Ausfälle (PFH) von Sicherheitsfunktionen auf Basis von Markov-Modellen zu berechnen. Der Report ergänzt die EN ISO 13849-1 und eröffnet insbesondere bei komplexeren Architekturen neue Möglichkeiten für eine realitätsnähere und flexiblere Bewertung von Sicherheitsfunktionen.

In unserer Kurzinformation geben wir einen Überblick über die wichtigsten Fragen zum Dokument.
 

Allgemeine Informationen zum Dokument

Der ISO/TR wurde am 20. März 2026 von ISO, der Internationalen Organisation für Normung, veröffentlicht und kann seitdem bei ISO direkt oder über die nationalen Normungsorganisationen bezogen werden. Eine Umsetzung als europäisches Dokument (in dem Falle als CEN/TR) ist nicht vorgesehen, daher wird es für den technischen Bericht auch keine Veröffentlichung im EU-Amtsblatt geben. 

Derzeit ist das Dokument ausschließlich auf Englisch verfügbar, eine deutschsprachige Ausgabe könnte es nur bei nationaler Übernahme durch DIN oder Austrian Standards geben. Aktuell ist dies jedoch nicht vorgesehen.

Warum wurde ISO/TR 13849-3 entwickelt?

Die EN ISO 13849-1 ist heute die am häufigsten eingesetzte Norm zur Bewertung sicherheitsbezogener Teile von Steuerungen (SRP/CS). Zur Ermittlung des Performance Levels (PL) verwendet sie ein vereinfachtes Verfahren, das auf Architekturvorgaben, MTTFD, Diagnoseabdeckung (DC), Common Cause Failures (CCF) und tabellierten PFH-Werten basiert. 

Dieses Verfahren hat sich in der Praxis bewährt, basiert jedoch auf mehreren festen Randbedingungen. So werden beispielsweise Annahmen zur Missionszeit, zum CCF-Faktor oder zur Behandlung redundanter Systeme strukturell vorgegeben. Dadurch ist die Methode zwar einfach anwendbar, bietet aber nur begrenzte Flexibilität. 

Genau hier setzt der ISO/TR 13849-3 an. Der Technical Report erweitert die Möglichkeiten der PFH-Ermittlung durch mathematische Formeln, die auf Markov-Modellen basieren. Das Ziel besteht darin, die Vorteile einer präziseren Modellierung mit der Architekturphilosophie der ISO 13849 zu vereinen. Die Autoren verstehen den Report ausdrücklich als Ergänzung und Weiterentwicklung der in ISO 13849-1 und IEC 62061 beschriebenen Methoden.
 

Was sind Markov-Modelle?

Markov-Modelle sind stochastische Modelle zur Beschreibung von Systemen, die zwischen verschiedenen Zuständen wechseln können. Für die Sicherheitsbetrachtung einer Steuerung können diese Zustände beispielsweise „fehlerfrei“, „gefährlicher Fehler erkannt“ oder „gefährlicher Fehler unerkannt“ lauten. Die Übergänge zwischen diesen Zuständen werden über mathematisch definierte Ausfall- und Testraten beschrieben. 

Der wesentliche Vorteil dieser Modelle besteht darin, dass auch komplexe Wechselwirkungen zwischen Kanälen, Diagnosen und Prüfungen realitätsnah abgebildet werden können. Markov-Modelle werden bereits seit vielen Jahren in der funktionalen Sicherheit eingesetzt und sind gemäß IEC 61508 ein geeignetes Verfahren zur Zuverlässigkeitsanalyse.
 

Welche Vorteile bietet der neue Ansatz für Hersteller von Maschinen?

Für Maschinenhersteller besonders interessant ist die größere Flexibilität gegenüber dem vereinfachten Verfahren der ISO 13849-1. 

Der Technical Report ermöglicht unter anderem die Berücksichtigung von: 

  • unterschiedlichen Prüfintervallen und Testraten, 
  • Missionszeiten, die von der festen Annahme von 20 Jahren abweichen, 
  • individuellen CCF-Faktoren statt pauschaler Annahmen, 
  • asymmetrischen redundanten Architekturen ohne vorherige Symmetrisierung, sowie
  • unterschiedlichen MTTFD-Werten von Funktions- und Testkanälen. 

Dadurch kann die PFH-Berechnung deutlich näher an den tatsächlichen Systemeigenschaften erfolgen. Besonders bei innovativen Steuerungsarchitekturen oder elektronischen Diagnosesystemen kann dies zu einer fundierteren Bewertung des Sicherheitsniveaus führen.
 

Welche Architekturen werden betrachtet?

Der Technical Report beschreibt Formeln für die PFH-Berechnung von:

  • einkanaligen Architekturen, 
  • einkanaligen Architekturen mit Diagnosen, 
  • einkanaligen Architekturen mit Prüfkanälen, 
  • zweikanaligen Architekturen, 
  • zweikanaligen Architekturen mit und ohne Diagnosefunktionen, sowie
  • seriell angeordneten Subsystemen. 

Zusätzlich enthält das Dokument Anwendungsbeispiele sowie die mathematische Herleitung der verwendeten Gleichungen. Dies schafft Transparenz und erleichtert das Verständnis der zugrunde liegenden Zusammenhänge.
 

Seminarhinweis

Funktionale Sicherheit - Auslegung sicherer Steuerungen nach EN ISO 13849-1 und -2


In diesem 2-tägigen Seminar erhalten Sie fundierte Kenntnisse über die sicherheitstechnische Gestaltung von Steuerungen bei Neubauten und bei Umbauten (wesentlichen Veränderungen) von Maschinen und Anlagen.

Zusammenhang mit EN ISO 13849-1

Wichtig für Anwender ist die Erkenntnis, dass der ISO/TR 13849-3 die EN ISO 13849-1 nicht ersetzt. Die Anforderungen an Kategorien, Architekturprinzipien, Diagnosen, Maßnahmen gegen systematische Fehler oder Software bleiben weiterhin durch die EN ISO 13849-1 festgelegt. 

Der Technical Report beschäftigt sich ausschließlich mit dem quantitativen Nachweis der PFH und damit mit einem Teil der PL-Bestimmung. Alle übrigen Anforderungen der EN ISO 13849-1 müssen unverändert erfüllt werden. 

Damit kann die neue Methode als alternatives Verfahren für die PFH-Ermittlung verstanden werden, während die grundlegende Systembewertung weiterhin nach EN ISO 13849-1 erfolgt.
 

Bedeutung für Maschinenhersteller

Für viele Standardanwendungen bleibt das bewährte Verfahren nach der EN ISO 13849-1 weiterhin eine wirtschaftliche und praxisgerechte Lösung. Der neue Technical Report erweitert diesen Ansatz jedoch um zusätzliche Möglichkeiten, insbesondere dann, wenn die vereinfachten Annahmen der Norm die tatsächliche Auslegung komplexerer sicherheitsbezogener Steuerungen nicht ausreichend abbilden.

Die erweiterten Berechnungsmethoden ermöglichen Entwicklern sicherheitsbezogener Steuerungssysteme eine realitätsnähere Modellierung komplexer Sicherheitsarchitekturen, erhöhen die Nachvollziehbarkeit und Bewertung von Diagnosekonzepten, schaffen mehr Flexibilität bei der Festlegung von Missionszeiten und Prüfstrategien und führen die Berechnungsmethodik näher an die Verfahren der IEC 62061 heran – bei gleichzeitigem Erhalt der bewährten Architekturphilosophie der ISO 13849.
 

Fazit

Mit dem ISO/TR 13849-3:2026 steht der Maschinenbauindustrie ein leistungsfähiges Werkzeug zur PFH-Berechnung zur Verfügung. Der Report ergänzt die bewährte EN ISO 13849-1 um einen mathematisch fundierten Ansatz auf Basis von Markov-Modellen. Damit wird die Lücke zwischen dem tabellenbasierten Verfahren der ISO 13849-1 und den formelbasierten Methoden der IEC 62061 geschlossen.

Herstellern, die moderne Sicherheitsarchitekturen entwickeln oder an die Grenzen der vereinfachten Verfahren stoßen, eröffnet sich somit die Möglichkeit, Sicherheitsfunktionen präziser und flexibler zu bewerten, ohne den normativen Rahmen der EN ISO 13849 zu verlassen.


Verfasst am: 08.07.2026

Autor: Robert Bönisch

Mehrjährige Erfahrung als CE-Koordinator und technischer Redakteur im Bereich Lebensmittelmaschinen. Zuständig für die Koordination des Konformitätsbewertungsverfahrens von Maschinen, Gesamtheiten von Maschinen und Anlagen. Leitung von Risiko- und Hygienebeurteilungen. Ansprechpartner für Material-Compliance und technische Dokumentation in einem internationalen Unternehmen.

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